Gedanken zur Jahreslosung 2026
„Gott spricht: "Siehe, ich mache alles neu!“(Jahreslosung 2026 aus Offenbarung 21,5)
von Schuldekan Dr. Helmut Mödritzer, Evangelischer Kirchenbezirk Baden-Baden und Rastatt
Was für eine Verheißung, mit der das neue Jahr 2026 anfängt! Das Wort aus der Offenbarung des Johannes kommt daher wie aus einer anderen Welt – alles wird anders, alles wird neu.
Ich habe diesen Vers über die Traueranzeige meiner Mutter gestellt, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Sie war zeitlebens körperlich eingeschränkt und mit zunehmendem Alter wurden Einschränkungen und Schmerzen immer schlimmer, bis hin zur schieren Unerträglichkeit. Da war dieses Wort Trost und Hoffnung, dass ihre Schmerzen nicht das Letzte bleiben. Dass sie nicht nur im Tod befreit sein möge von ihren Schmerzen, die sie ein Leben lang begleiteten, sondern dass sie auch spüren möge, einmal keine Schmerzen zu haben, weil nun alles neu und anders sein wird. Ich wünsche ihr dies so sehr! Ich habe aufgehört, zu fragen und mir vorzustellen, wie das gehen kann. Zu groß sind die Leiderfahrungen, die Menschen machen (müssen). Zu groß die Sehnsucht und der Schrei nach Gerechtigkeit, dass das mannigfache, nicht zählbare Leid und unsagbare einmal aufhören mögen. Gott hat es versprochen und es liegt an ihm, sein Versprechen einzulösen: „Siehe, ich mache alles neu!“
Und dann gibt es auch noch das: Einerseits sehne ich mich danach, dass alles neu werden möge, andererseits möchte ich, dass Vieles aber genau so bleibt, wie es ist. Dass ich Menschen um mich habe, die ich liebe und die mich lieben; dass es mir gut geht; dass mir mein Beruf Freude macht und ich ihn als sinnstiftend erlebe – all das möge sich doch bitte nicht ändern, lieber Gott! Natürlich weiß ich, dass auch das alles vergänglich ist. Aber die Vernunft ist keine gute Ratgeberin, wenn es um Emotionen geht. Denn sie bestimmen das Leben auch, vielleicht sogar vor allem. Deshalb, lieber Gott: Du musst nicht alles neu machen. Alles ist manchmal zu viel des Guten.
Was gilt nun? Gottes Verheißung und Versprechen nach totaler Veränderung oder mein Wunsch nach Beharrung?
Ich denke, es gilt die Kunst des Unterscheidens. Veränderungen da, wo die Situation es gebietet. Und auch Beständigkeit da, wo die Situation es gebietet. Beständigkeit da, wo man sagen kann, dass auch Gott eine Situation gutheißt und möchte. Veränderung da, wo Not und Leid zum Himmel schreien. Die Jahreslosung möge mir Richtschnur und Appell sein, mich dafür einzusetzen, im Vorgriff auf Gottes Neuschöpfung schon heute Neues zu machen, um Tod und Leid und Not zu lindern. Aus der Kraft der Verheißung Gottes kann ich die Kraft und Zuversicht dafür schöpfen. Aber ich muss nicht alles ändern. Was gut ist, darf bleiben. Und ich weiß auch: Natürlich bleiben meine Anstrengungen Stückwerk. Aber das entwertet sie nicht. Sie schützen mich vor Resignation und Zynismus. Ich bin gewiss, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Denn kein menschlicher Mund, sondern er selbst verspricht: „Siehe, ich mache alles neu!“
