Gedanken z. Monatsspruch
Gott spricht: Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. (Ezechiel 34,16)
von Schuldekan Dr. Helmut Mödritzer, Evangelischer Kirchenbezirk Baden-Baden und Rastatt
Im November d.J. feiert die Europäische Menschenrechtskonvention ihren 75. Geburtstag. Am 4. November 1950 wurde sie in Rom feierlich unterzeichnet. In ihren insgesamt 59 Artikeln greift sie viel von der zwei Jahre zuvor unterzeichneten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 auf.
Der Tenor beider Dokumente ist: Das Schwache, Verwundbare und Verletzliche genießt besonderen Schutz. Dahinter stehen die realen Erfahrungen der beiden Weltkriege, insbesondere des Zweiten Weltkriegs, in dem eben dieses Schwache, Verwundbare und Verletzliche so unsagbar mit Füßen getreten wurde. Welch Meilenstein für die Menschheit sind diese beiden Dokumente!
Der Prophet Ezechiel, aus dessen Buch unser Monatsspruch stammt, hätte wahrscheinlich seine Freude an ihren Erklärungen gehabt. Denn er machte seinerzeit die Erfahrung: Die irdischen Machthaber in Israel sorgten nicht für die Schwachen und Geringen, sie dachte eher an das jeweils Ihre. So kommt bei Ezechiel Gott ins Spiel: Als Garant und Hüter der Rechte der Schwachen, Verwundeten und derer, die am Rand stehen. Gott verbürgt sich selbst mit seinem Wort, dass diese nicht unter die Räder geraten. Ist dieser Gott nicht großartig? Nicht die Gewinner- und Siegertypen hat er im Blick, nicht die Reichen und Schönen, sondern die, die all das nicht sind. Er lässt sich nicht vom Scheinwerferlicht blenden, sondern sieht auch die, die hinter den Kulissen sind.
Es ist die bleibende Aufgabe der Kirche Jesu, für den Schutz der Schwachen einzutreten – in Wort und Tat. Als Kirche Jesu halten wir fest an der Vision einer gerechten Welt und finden uns nicht ab mit Gegebenheiten und sog. Sachzwängen. Mag sein, dass man uns dafür belächelt und als naive Träumer bezeichnet. Aber wir sind mit der Menschenrechtskonvention und der Erklärung der Menschenrechte in guter, ja bester Gesellschaft! Wir sind es den Schwachen, Verirrten und Verwundeten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben und ihre Situation zu ändern. Gott selbst will das – wer könnte dann dagegen sein!? 